Familie

Wenn mit dem Baby der Krach kommt

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Bring deinen Mann nicht gleich um, du könntest ihn noch brauchen
Die Elternzeit als Paar überleben
Dunn Jancee
Verlag: Mosaik (2017)
Sprache: Deutsch
384 Seiten

ISBN-10: 3-442-39313-2
ISBN-13: 978-3-442-39313-8

„Sobald ein Kind zur Welt kommt, muss einfach alles neu verhandelt werden.“ Guy Winch, Psychologe aus New York.

Katharina

Unsere Bewertung: 4 von 5 Federn

Managerin, Entertainerin, Taxifahrerin, Köchin und vieles mehr – frischgebackene Mütter leisten Außergewöhnliches. Wir schuften bis zum Umfallen trotz Schlafdefizit und Achterbahn der Gefühle. Dabei kollidiert unser fürsorglicher Mutterinstinkt nicht selten mit dem Fluchtverhalten des Partners, der sich plötzlich für nichts mehr zuständig fühlt.

„Mein Mann arbeitet die ganze Woche, und am Wochenende verkündet er mir dann, er habe keinen Nerv, sich um unsere Jungs zu kümmern. Ein Wunder, dass er nicht merkt, wie ich eigentlich die ganze Zeit vor Hass koche.“ Ganz so arg wie es Jancee Dunn in ihrem dreihundertachtzig Seiten starken Buch „Bring deinen Mann nicht gleich um – du könntest ihn noch brauchen“ auf den ersten Seiten anhand unzähliger Beispiele beschreibt, sehe ich das Eheleben inklusive Kind nicht. Aber ich muss zugeben, dass mir einige beschriebene Situationen durchaus bekannt vorkommen und ich mich in etlichen Stellen des Buches wiederfinde.

Nachdem ich überglücklich mit einem Neugeborenen zuhause angekommen war, stellte sich rascher als erwartet der beinharte Alltag ein. Der permanente Schlafentzug und Hormoncocktail verwandelten mich in ein höchst sensibles Wesen. Dass dies nicht unbedingt mit meinem Charakter zu tun hatte, sondern physisch begründet ist, wurde mir durch die Lektüre einmal mehr bewusst, denn so schreibt die Autorin: „Ein Mangel an nächtlicher Erholung sorgt dafür, dass wir uns auf negative Erfahrungen konzentrieren, dass wir häufiger Streit suchen und zu irrationalem Verhalten neigen.“

Aha, so ist das also, da wird mir einiges klar. Die Tatsache, dass Schlafentzug und dauernde Überforderung zu erheblichen chronischen Beeinträchtigungen führen, warf auch ein neues Licht auf meinen Mann. Plötzlich störte es mich mehr als sonst, dass er mit Schuhen durch die Wohnung trampelte oder sein Geschirr inklusive Essensreste stehen ließ. Zu allem Überfluss hatten sich scheinbar unbemerkt die Rollen neu verteilt. Ich war jetzt nicht nur Mutter, sondern auch kochende, putzende, waschende, einkaufende Hausfrau.

Spätestens nach dem dritten Monat der totalen häuslichen Isolation war ich es leid, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Ich beneidete meinen Mann, der nach Feierabend seinen Hobbys nachging. Nach den ersten Auseinandersetzungen machte ich erstmals Bekanntschaft mit einem Phänomen, das man als „Maternal Gatekeeping“ bezeichnet. „Dieses veranlasst Mütter dazu, Vätern zu ermutigen sich mehr einzubringen“, sie zugleich aber auch zu tadeln. Zu deutsch: was Mama nicht selber macht, haut eh nicht hin. Das Ergebnis laut Jancee Dunn: Je mehr sie ihn kritisiert oder Dinge für ihn übernimmt, desto unsicherer wird er und traut sich nichts mehr zu.“ Viele Entwicklungen sind also hausgemacht.

Die Lektüre des Buches hat mich auch dazu ermutigt, meine Gefühle anzusprechen. Das von der Autorin vorgestellte Konfliktlösungsmodell, das auf fünf Stufen aufbaut und eigentlich aus der Krisenintervention kommt, leistet dabei gute Dienste: aktiv zuhören, Empathie zeigen, eine Verbindung herstellen, Einfluss gewinnen und eine Verhaltensänderung bei meinem Mann bewirken. Die praktische Anwendung der Verhandlungsstrategien ist aufwendig und nimmt Übung und Zeit in Anspruch, aber ich kann schon die ersten Erfolge verbuchen.

Dabei poche ich auch auf mein Recht und fordere ein Minimum an Freizeit ein. Für mich eine wichtige Lektion aus dem Buch, denn so schreibt die Autorin: „Wenn ich mir Zeit für mich selbst nehme, bin ich danach viel mehr die Mutter, die ich gerne wäre. Viel geduldiger, weniger schnell aus der Fassung zu bringen.“

„Bring deinen Mann nicht gleich um – du könntest ihn noch brauchen“ ist ein hilfreicher, humorvoller Ratgeber für alle frischgebackenen Eltern. Szenen aus dem privaten, alltäglichen Wahnsinn der Autorin, der – für meinen Geschmack – an einigen Stellen etwas ausschweifend geschildert wird, vermischt sich mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Forschung. Zahlreiche Tipps zeigen, wie sich im Familien- und Eheleben wirksam Veränderungen herbeiführen lassen.

Was ich gelernt habe: Es muss nicht alles perfekt sein und wenn ich mal mit Freundinnen unterwegs bin, muss das Handy– Stichwort: elektronische Fußfessel – nicht permanent vor mir auf dem Tisch liegen. Und zu guter Letzt: Man darf auch Hilfe annehmen. Unmissverständliche Ich-Botschaften bringen da ein gutes Stück weiter.